Tagesspiegel-Skandal: Die Qualitätspresse kocht auch nur mit KI

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Symbolbild

Die selbsternannten Qualitätsmedien erklären ihren Lesern täglich, warum unabhängiger Journalismus unverzichtbar sei. Ausgerechnet der Berliner Tagesspiegel zeigt nun, wie schnell Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen.

Die Zeitung räumte ein, dass ihr langjähriger Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff mehrere Meinungsbeiträge mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt und unter seinem Namen veröffentlicht hatte. Einen Hinweis auf den KI-Einsatz gab es nicht. Nachdem der Vorgang bekannt wurde, wurden die betroffenen Texte entfernt, Casdorff musste seine publizistischen Tätigkeiten vorerst einstellen und eine externe Untersuchung wurde angekündigt.

Casdorff selbst spricht inzwischen von einem „Riesenfehler“ und räumt ein, die Nutzung von KI hätte offengelegt werden müssen. Die Chefredaktion betont nun, KI dürfe lediglich ein Hilfsmittel sein, während Urteilsvermögen und sprachliche Gestaltung beim Autor bleiben müssten.

Gerade das macht den Fall so brisant. Kaum jemand warnt lauter vor Desinformation, Fake News und mangelnder Transparenz als die großen Medienhäuser. Gleichzeitig konnten offenbar Meinungsbeiträge erscheinen, bei denen die Leser nicht wussten, wer oder was sie tatsächlich geschrieben hat.

Meinung lebt von Persönlichkeit, Erfahrung und individueller Argumentation. Wer einen Kommentar liest, erwartet die Gedanken eines Autors – nicht die Textproduktion eines Algorithmus. Wenn über einem Artikel ein Name steht, sollte darin auch die geistige Leistung dieses Menschen erkennbar sein.

Der Fall wirft zudem eine unangenehme Frage auf: Wie viele Texte entstehen inzwischen in deutschen Redaktionen mit KI-Unterstützung, ohne dass Leser darüber informiert werden? Dass Medienhäuser inzwischen eigene Richtlinien für den Umgang mit KI benötigen, zeigt, wie tief die Technologie bereits im Redaktionsalltag angekommen ist.

Der Tagesspiegel-Skandal ist nicht nur eine peinliche Personalie, sondern wieder einmal ein Beispiel für das altbekannte Gleichnis von der Hand mit dem ausgestrecktem Finger und den dreien, die auf einen selber weisen.