In der Nacht auf Donnerstag soll es wieder so weit sein – zum ersten Mal seit über einem halben Jahrhundert wollen Menschen in Richtung Mond aufbrechen. Um 0:24 Uhr MESZ hebt Artemis 2 vom Kennedy Space Center in Cape Canaveral ab, vier Astronauten an Bord einer Orion-Kapsel, obendrauf eine SLS-Rakete, die NASA zufolge noch mächtiger als die Saturn V sein soll. Der Jubel der Raumfahrtbehörde ist groß. Die Fragen, die sich stellen, sind es aber auch.

Zur Crew gehören NASA-Kommandant Reid Wiseman, Pilot Victor Glover, Missionsspezialistin Christina Koch sowie der kanadische Astronaut Jeremy Hansen. Eine bewusst diverse Besetzung: Glover wäre der erste Afroamerikaner jenseits der niedrigen Erdumlaufbahn, Koch die erste Frau überhaupt in diesem Bereich. Das klingt nach Fortschritt. Nur: Auf dem Mond landen wird keiner von ihnen. Artemis 2 ist ein Fly-by – die Crew umrundet den Mond und kehrt zurück, ohne zu landen.

Das ist kein kleines Detail. Es ist der Kern des Problems.

Die Mission wurde mehrfach verschoben. Zuerst wegen eines Wasserstofflecks beim Generalprobe-Countdown im Februar, dann wegen eines Heliumflussproblems, das sogar einen vollständigen Rückzug der Rakete in das Montagegebäude erzwang. 

Technische Pannen dieser Art bei einem Gerät, das Menschen ins All schießen soll, sind keine Randnotizen – sie sind Symptome. Das Artemis-Programm läuft seit Jahren. Die ursprünglich für 2021 geplante Mission ist heute, 2026, immer noch ein reiner Testflug ohne Landung.

Der Hitzeschild der Orion-Kapsel hatte nach dem unbemannten Artemis-1-Flug 2022 unerwartete Schäden gezeigt. Für Artemis 2 wurde trotz anhaltender Bedenken von Ingenieuren entschieden, mit dem bestehenden Schild zu fliegen. Designänderungen sind laut NASA erst für Artemis 3 geplant – also für die Mission, bei der tatsächlich Menschen landen sollen. Mit einem Hitzeschild, dessen Probleme bei der Vorgängermission dokumentiert wurden und der jetzt trotzdem Menschenleben schützen soll.

Man darf die Frage stellen: Ist das Raumfahrt – oder ist das Risikomanagement per Pressemitteilung?

Das Artemis-Programm hat bisher zig Milliarden Dollar verschlungen. Die SLS-Rakete gilt in der Branche als notorisch teuer und nicht wiederverwendbar – ein Relikt der alten NASA-Beschaffungslogik, während SpaceX seine Starship-Rakete immer weiter perfektioniert. Jeder Artemis-Start kostet Schätzungen zufolge rund vier Milliarden Dollar. Für einen Mondvorbeiflug.

Die Crew verbrachte die letzten Tage vor dem Start in strikter Quarantäne, unter medizinischer Überwachung, während Ingenieure kryogene Systeme, Kommunikationsverbindungen und den Flüssigwasserstoff-Betankungsablauf prüften. Alles korrekt, alles professionell. Und trotzdem bleibt das Unbehagen: Warum dauert es mehr als fünfzig Jahre, um das zu wiederholen, was Apollo angeblich in weniger als einem Jahrzehnt – mit Rechenschiebern – geschafft hat?

Die offizielle Antwort lautet: Sicherheit, Wissenschaft, internationale Zusammenarbeit. Die unbequeme Gegenfrage lautet: Warum war das damals einfacher? Wer das ernsthaft hinterfragt, gilt schnell als Spinner. Aber die Frage selbst ist legitim – und sie stellt sich umso lauter, je teurer und langwieriger das Programm wird, das angeblich den Beweis für das Gegenteil liefern soll.

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