Es gibt wohl kaum eine Familie ohne einen irgendwie gearteten Fall von Missbrauch, Inzest, Vergewaltigung. Man spricht nicht gerne über diese Familiengeheimnisse, erst wenn es Probleme macht. Ich weiß das nicht nur aus meinem beruflichen Kontext als Familienberater, der ich unter anderem bin, sondern auch aus meiner eigenen „Herkunftsfamilie“, wie man das so nennt. Und meist gibt es nicht nur einen Täter oder auch Täterin, was gar nicht so selten ist, wie manche vermuten würden, sondern etliche Wiederholungen über Generationen und in verschiedenen Beziehungskonstellationen, die aufgrund der Missbrauchserfahrungen irgendwie missbräuchlich sind – oder toxisch, was nichts anderes als eine verdeckende Modebezeichnung ist.

Bevor wir solche Fälle wie Epstein oder Dutroux in ihrer Komplexität verstehen und als Wirklichkeit anerkennen können, führt kein Weg daran vorbei, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen, die nicht wirklich verdeckt in uns schlummert, aber wie eine Sepsis wirkt, die langsam unseren gesamten Körper vergiftet, die Sinne vernebelt und uns taub und stumm macht, wenn wir nicht hinsehen.

Immer wenn ein großer Fall publik wird, fragen sich alle, wie ein ganzes Netzwerk solange unentdeckt bleiben konnte, warum niemand etwas gemerkt hat? Wie konnte Natascha Kampusch solange von ihrem Entführer festgehalten werden? Warum hat im Fall Fritzl keiner etwas gehört oder Verdacht geschöpft? „Ein Teil der Antworten könnte die Bevölkerung verunsichern…“

Ich verrate es gerne: Die Wurzeln sind bekannt, aber was nutzt dieses Wissen, wenn keine Taten folgen? Natürlich haben die Nachbarn, die Angehörigen, die Gemeindemitglieder, Vereinskollegen und wer auch immer etwas gewusst, geahnt, vermutet, aber was hätten sie nur machen können? Am Ende steht man doch immer alleine da und alle fallen um. Und dann kommt plötzlich dieses ungute Gefühl aus dem Innern, das sagt, dass es besser ist, den Mund zu halten und niemanden zu verraten…

Meine eigene Geschichte ist schnell erzählt. Scheidungskind, der Vater „schuldig geschieden“, per Gerichtsbeschluss entsorgt, die Mutter findet einen neuen Mann. Es kommt noch ein Geschwisterchen hinzu und nach ein paar Jahren stellt sich raus, der Stiefvater hat sich nicht nur an meiner älteren Schwester, seinem Stiefkind, „vergriffen“, sondern auch seine leibliche Tochter, unsere kleine Halbschwester, regelmäßig vergewaltigt. Ein schwacher Trost für mich, dass er nicht homosexuell war und kein sexuelles Interesse an Jungs hatte. Das Leben mit diesem cholerischen, berechenbar unberechenbaren Psychopathen war auch ohne Missbrauch und weitgehend ohne Prügel und Schläge reine Psychofolter.

Und der Fall war nicht so einfach beendet, es kam nicht alles an einem Tag X heraus, es war ein langsamer, schleichender Prozess, bis sich alle Puzzleteile zusammensetzten und wir als Familie schließlich handeln und den Täter zur Verantwortung ziehen konnten, was oft gar nicht geschieht. Es liegt in der Natur der Sache, dass man als Kind, welches ich war, gar nicht versteht, was eigentlich vor sich geht. Meine Schwester hatte Todesangst und schwieg über die Vorkommnisse – so gab es offiziell nur „Schwierigkeiten“ in der Familie, dass unser Vater schließlich das Sorgerecht bekam und wir zu unseren Großeltern ziehen durften. Jedem war natürlich klar, dass nicht wir Kinder das Problem waren, sondern der cholerische Stiefvater. Was noch dahinter war, wollte niemand sehen. Wir besuchten unsere Mutter und unsere Halbschwester regelmäßig und da das meist am Wochenende war, trafen wir dabei auch auf den Stiefvater, der sich dann heuchlerisch zusammenriss und uns mit kleinen Geschenken überhäufte. Für meine Schwester ging der Missbrauch letztlich solange weiter, bis sie sich endlich jemandem anvertraute. Mich „verschonte“ man vor dieser Wahrheit, sprach aus falscher Rücksicht nur in Andeutungen und weil sich meine Schwester in Grund und Boden schämte, verzichtete mein Vater auf eine Strafanzeige. Und so wuchs die Zahl der Mitwisser stetig an, die aus unterschiedlichen Gründen schwiegen und dafür sorgten, dass diesem Mann nicht sofort das Handwerk gelegt wurde. Niemand hat ihn mit seinen Taten konfrontiert. Niemand hat unserer Mutter die volle Wahrheit gesagt und sie gefragt, was um alles in der Welt sie bei diesem schrecklichen Mann hielt. Nein, aber wir wurden weiter gedrängt, von unseren Großeltern und unserem Vater, den Kontakt zu unserer Mutter nicht abzubrechen. Schizophren, aber Menschen mit Schuldgefühlen, ob berechtigt oder nicht, handeln so, widersprüchlich, brüchig und dann leider nie zum Vorteil der jüngsten Glieder in der Kette.

Und so waberte die Geschichte im Halbdunkel vor sich her und mit mir der Gedanke, dass meine kleine Schwester auch zum Opfer werden würde, wenn sie alt genug wäre. Wie dumm und naiv von mir. Sie war es schon längst geworden als Kleinkind. Meine Vorstellung ging nicht so weit damals. Meine Schwester brach irgendwann doch den Kontakt zu unserer Mutter ab und als ich erwachsen wurde, konfrontierte ich sie mit „der Wahrheit“. Sie glaubte allen Ernstes, der Verbrecher würde sich nicht an seinem eigenen Kind vergreifen und redete sich ein, bei ihm bleiben zu müssen, damit nicht auch noch das dritte Kind den Vater durch Scheidung verlieren würde. Und weiter ging der Missbrauch. Erst als die Kleine volljährig war, alleine mit dem Auto kommen konnte und wir erstmals Gelegenheit hatten, in Ruhe miteinander zu sprechen, löste sich die Starre. Wir erstatteten Anzeige, halfen gemeinsam unserer Mutter, sich von dem Vergewaltiger zu trennen und ein eigenständiges Leben zu beginnen. Kurz nach dem Gerichtsprozess, der wegen der Verjährungsfristen nur für eine Bewährungsstrafe reichte, starb er einsam und verlassen in der Missbrauchswohnung und wurde erst zwei Tage später gefunden. Sämtliche Kontakte hatten sich von ihm abgewandt, niemand wollte mehr mit ihm zu tun haben, bis auf eine schreckliche Nachbarin Marke Lindenstraße, die für Geld die Wohnung sauber machte. Er, der große Manipulator in seiner kleinen Arbeiterwelt, der es so meisterhaft verstand, von der Energie anderer zu leben, hatte die Macht verloren und die beste Strafe erhalten, die so ein Monster für solche Taten bekommen kann.

Nein, auch damit ist die Geschichte nicht beendet, doch dieser Ausschnitt reicht zunächst, um zu veranschaulichen, wie so ein Konstrukt aus Schweigen, Mitwisserschaft und Missbrauch entsteht und welcher langen Zeiträume es bedarf, sich aus diesen Verstrickungen zu befreien.

Epsteins prominentestes Opfer, Virginia Guiffre, die sich letztes Jahr umgebracht hat oder haben soll, ist nicht einfach so darein geraten und an Prinz Andrew vermittelt worden, sie war zuvor bereits Opfer in der eigenen Familie geworden und deshalb eine leichte Beute für den Mädchenhändler. In der Familie liegen die Wurzeln. Das ist das ganze Geheimnis wie es auf allen Ebenen quer durch alle Schichten funktioniert. Es ist ein offenes Geheimnis. Es gibt keinen Ödipus-Komplex wie ihn Freud erfunden hat, um den allgegenwärtigen Missbrauch zu verdecken, den er sehr wohl erkannt hatte. Es gibt keine frühreifen Lolitas, die einfach so erwachsene Männer verführen, es gibt auch keine kleinen Jungs, die davon träumen, auf einem alten Fahrrad fahren zu lernen. All das ist nur durch Manipulation denkbar.

In der Familie liegen aber auch die Wurzeln für das Gute. Wenn wir unsere Beziehungen heilen und unsere Kinder stärken, wird die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie in missbräuchliche Beziehungen geraten, dass sie selbst zu Tätern werden oder aus Hass auf die eigene Missbrauchsfamilie familienzerstörerische Politik unterstützen und Kentler-Pädagogik als gute Sache verkaufen. Und gerade in diesen Zeiten, in denen immer mehr an die Oberfläche kommt, ist es umso wichtiger, nicht nur im Dreck zu wühlen, auf die Auswüchse zu starren, sondern das Gute zu stärken und unsere wahren Chancen und Potentiale zu entwickeln. Om!

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