HEUTE VOR 152 JAHREN SCHOSSEN SOLDATEN AUF ARBEITER, WEIL DAS BIER TEURER WURDE — JETZT GEHT ES UM SPRITPREISE ------------------------------------------------------------ Autor: Redaktion Datum: 21.04.2026 Quelle: F-NEWS URL: https://f-news.net/heute-vor-152-jahren-schossen-soldaten-auf-arbeiter-weil-das-bier-teurer-wurde-und-deutschland-hat-nichts-gelernt/ ------------------------------------------------------------ Am 21. April 1847 stürmten in Berlin wütende Frauen einen Kartoffelstand am Gendarmenmarkt, weil die Preise unbezahlbar geworden waren. Auf den Tag genau 26 Jahre später zogen in Frankfurt am Main Arbeiter mit einer selbst gebastelten roten Fahne durch die Innenstadt, weil das Bier teurer geworden war. In beiden Fällen schoss am Ende das preußische Militär. Das Muster ist immer dasselbe — wie Wikipedia zum Frankfurter Bierkrawall und zur Kartoffelrevolution von 1847 dokumentiert. Heute, 152 Jahre später, ist das Grundnahrungsmittel ein anderes. Aber die Struktur ist dieselbe. Brot, Bier, Kartoffeln — Grundnahrungsmittel als Zündschnur Die Berliner Kartoffelrevolution von 1847 war keine spontane Randale. Sie hatte drei strukturelle Ursachen: Missernten hatten die Kartoffelpreise auf das Drei- bis Fünffache getrieben — fünf Pfund Kartoffeln kosteten im April 1847 fünf Silbergroschen, was dem halben Tagesverdienst eines einfachen Berliner Arbeiters entsprach. Die preußische Regierung hatte auf die Versorgungskrise nur unzureichend reagiert und sogar verdorbenes russisches Importgetreide an die Bevölkerung verteilt. Und die Berliner Bäcker umgingen staatlich festgesetzte Preise durch Gewichtsfälschungen und minderwertiges Material — ein in Jahrzehnten angesammelter Missstand, der sich schließlich in der Revolte entlud. Schätzungsweise fünf- bis zehntausend Menschen beteiligten sich an den Ausschreitungen: 45 Läden wurden gestürmt, darunter 30 Bäckereien und elf Schlachtereien. Das Militär brauchte zwei Tage, um die Lage zu kontrollieren. Heute vor 152 Jahren, Frankfurt. Die Erhöhung des Bierpreises von einem Batzen auf viereinhalb Kreuzer — ein Plus von 12,5 Prozent auf das, was Arbeiter als Grundnahrungsmittel betrachteten — traf die schlecht bezahlte Unterschicht hart. Dazu kam ein raffinierter Taschenspielertrick: Da es keine passenden Münzen gab, musste man fünf Kreuzer bezahlen und erhielt einen Gutschein über einen halben Kreuzer zurück, der nur beim selben Wirt einlösbar war. Am letzten Tag der Frühjahrsmesse, einem traditionellen Arbeiterfeiertag, formierten sich die Entrüsteten. Aus einem roten Vorhang wurde eine Fahne. Der Schlachtruf: „Mir wolle Batzebier." Wie journal21.ch dazu schreibt, war die Polizei von Anfang an hoffnungslos überfordert — 53 Beamte für 100.000 Einwohner. Dann kamen die Soldaten. Zwanzig Menschen starben, darunter eine alte Frau und ein zehnjähriger Junge. Was beide Ereignisse verbindet: Der Historiker Lothar Machtan zählte allein in den ersten drei Jahren des Deutschen Kaiserreichs mindestens 20 städtische Unruhen, fast alle als Reaktion auf die Verteuerung von Lebensmitteln und Mieten. Die Berliner Kartoffelrevolution gilt heute als direktes Vorspiel zur Märzrevolution von 1848 — die Gewaltbereitschaft der Berliner gegen Soldaten und Polizei in den Barrikadenkämpfen stand in direkter Verbindung mit dem, was ein Jahr zuvor auf den Marktplätzen passiert war. Wer die Unterschicht lange genug auspresst, erntet irgendwann Aufruhr. Was sich seither nicht geändert hat Heute dreht sich niemand eine rote Fahne aus einem Vorhang. Aber die Verhältnisse, die 1847 und 1873 zur Explosion führten, sind strukturell unverändert. Lebensmittel kosten heute im Durchschnitt rund 30 Prozent mehr als noch 2021. Zwischen 2020 und Oktober 2024 stiegen die Lebensmittelpreise insgesamt um 34,3 Prozent — Käse und Teigwaren verteuerten sich um fast 50 Prozent, Butter um 60 Prozent. Die Inflation ist offiziell auf 2,7 Prozent gesunken, aber das ist eine statistische Beruhigungspille: Der Verbraucherpreisindex lag 2024 bei 119,3 Punkten gegenüber dem Basisjahr 2020 — eine kumulative Verteuerung von fast 20 Prozent, die sich insbesondere bei Grundbedürfnissen bemerkbar macht. Und das Benzin? Wer täglich pendeln muss, weil er sich die Miete in der Stadt nicht leisten kann, zahlt an der Zapfsäule denselben Preis wie der Nachbar mit dem Dienstwagen — nur dass er am Monatsende anders rechnet. Die Berliner Bäcker von 1847, die durch Gewichtsbetrug und minderwertiges Material die Preisvorschriften umgingen, haben heute ihr Äquivalent in den großen Handelskonzernen. Die Handelskonzerne bestreiten Preismitnahmen im Zuge der Inflation — doch Transparenz wird auffällig kleingeschrieben: Die deutschen Supermärkte sind nicht börsennotiert und müssen daher keine Rechenschaft gegenüber Aktionären ablegen, und keiner der Supermärkte wollte im Rahmen einer Foodwatch-Studie Einblick in seine Margenkalkulation geben. Hinweise auf sogenannte Mitnahmeeffekte mehren sich trotzdem. Die soziale Sprengkraft ist dokumentiert. Knapp 21 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, über 13 Millionen Menschen gelten als arm, und immer mehr Familien sind von Ernährungsarmut betroffen. Über 40 Prozent der Bevölkerung besitzen nur geringe oder keine finanziellen Rücklagen; 30 Prozent haben Kredite aufgenommen oder überziehen das Konto, um die höheren Lebenshaltungskosten zu bewältigen. Die Lektion, die niemand lernt In Berlin 1847 forderte der Magistrat nach den Unruhen eine größere Polizei oder eine Bürgerwehr. Der Innenminister lehnte ab — Bürgerwehren würden das staatliche Gewaltmonopol untergraben. Die Führung sollte in den Händen der regierungsnahen Aristokratie bleiben. Ein Jahr später brannten die Barrikaden. In Frankfurt 1873 rückten die Brauereien die Preiserhöhung zurück, sobald Soldaten auf Menschen schossen. Der Druck von unten hatte funktioniert — aber er hatte zwanzig Todesopfer gefordert. Heute reagiert die Politik auf Ernährungsarmut und Kaufkraftverlust mit Berichten, Arbeitsgruppen und Sektoruntersuchungen, die folgenlos bleiben. Die Verbraucherzentralen fordern seit langem Politik und Bundeskartellamt auf, die Preisentwicklung im Handel und versteckte Preissteigerungen genau zu untersuchen, was reine Zeitverschwendung wäre, denn die Politik will gar nicht liefern. Der preußische König machte am Tag nach der Kartoffelrevolution unbehelligt seinen Mittagsspaziergang Unter den Linden. Seine Nachfolger heute nennen das Resilienz und haben erst jüngst wieder eine Erhöhung der Pensionen und Ministergehälter beschlossen. Quellen: Frankfurter Bierkrawall – Wikipedia Kartoffelrevolution 1847 – Wikipedia journal21.ch – Historisches Bild: Frankfurter Bierkrawall SR-Mediathek – Der Bierkrawall von Frankfurt 1873 Verbraucherzentrale – Steigende Lebensmittelpreise Oxfam Deutschland – Inflation bei Lebensmitteln verschärft soziale Ungleichheit wirtschaftscheck.de – Kostenentwicklung in Deutschland 2024/2025 Verbraucherzentrale NRW – Lebensmittelpreise und Ernährungsarmut ------------------------------------------------------------ Dieser Artikel wurde zuerst auf F-NEWS veröffentlicht. Zweitveröffentlichung ist bei Verlinkung zur Originalquelle in unveränderter Form gestattet. Originalquelle: https://f-news.net/heute-vor-152-jahren-schossen-soldaten-auf-arbeiter-weil-das-bier-teurer-wurde-und-deutschland-hat-nichts-gelernt/