Monatelang haben sie ermittelt, nun schlagen die Behörden zu: Am Dienstagmorgen hat die Berliner Polizei mehrere Dutzend Orte in der Hauptstadt und in drei weiteren Bundesländern durchsucht — darunter Räume der „Anarchistischen Bibliothek“ in der Kreuzberger Reichenberger Straße sowie Liegenschaften in Wedding, wie die Berliner Zeitung berichtet. Ziel des Einsatzes ist eine anarchistische Gruppe, der Ermittler den Brandanschlag auf Berlins Stromnetz vom September 2025 zuschreiben — ein Angriff, von dem rund 50.000 Haushalte im Südosten der Stadt betroffen waren und der sich gezielt gegen den Technologiepark Berlin-Adlershof richtete, mit einem Sachschaden von 30 bis 70 Millionen Euro.

Die Spur führt tief in die anarcho-primitivistische Szene. Die Ermittler ordnen die Verdächtigen dem Milieu der sogenannten Anarcho-Primitivisten zu — einer kleinen Szene, in der seit Jahren Texte kursieren, die moderne Infrastruktur als „Nervensystem“ einer kontrollierten Gesellschaft beschreiben und Stromtrassen oder Mobilfunkmasten als legitime Angriffsziele definieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei das anarchistische Magazin „Zündlumpen“ (später „Zündlappen“), das Ermittler einer verdeckt agierenden Gruppe aus Bayern zuordnen.

Mindestens einer der Verdächtigen des Adlershof-Anschlags soll nach Informationen der Welt direkte Verbindungen ins Umfeld des „Zündlappen“ haben. Die Vernetzung reicht offenbar weit: Die Generalstaatsanwaltschaft München hatte bereits im März 2025 Anklage gegen zwei mutmaßliche Herausgeber erhoben, die auch an einer Brandserie im Raum München beteiligt gewesen sein sollen. 

Was die Szene antreibt

Im Bekennerschreiben zum Adlershof-Anschlag wurden Unternehmen wie Atos, Astrial, DLR, Jenoptik, Rohde & Schwarz, Siemens und Trumpf namentlich genannt. Man richte sich mit der Sabotage von Infrastruktur gegen „imperiale Lebensweisen“ — ein Begriff, den die Gruppe vom deutschen Politologen Ulrich Brand entlehnte, der sich daraufhin ausdrücklich von der Verwendung seiner Theorie distanzierte. 

Die Vernetzung innerhalb der anarchistischen Szene reiche über Landesgrenzen hinaus, sowohl zwischen München und Berlin als auch international, so die Ermittler. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will den Kampf gegen linksextreme Gewalt entschiedener führen als seine Vorgänger. 

Der heutige Einsatz ist eingebettet in eine ganze Serie von Infrastrukturangriffen. In Berlin und Brandenburg werden seit 2011 in unregelmäßigen Abständen Brandanschläge auf Bahnanlagen, Telekommunikationseinrichtungen und öffentliche Versorgungsleitungen verübt, zu denen sich „Vulkangruppen“ bekannt haben. Parallel dazu läuft seit dem Januaranschlag 2026 auf das Kraftwerk Lichterfelde, der den längsten Berliner Stromausfall seit Kriegsende verursachte, ein separates Ermittlungsverfahren des Generalbundesanwalts wegen Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, verfassungsfeindliche Sabotage und Störung öffentlicher Betriebe. (BKA)

Die Gewerkschaft der Polizei betonte, die Sicherheitsbehörden würden die Protagonisten des harten Kerns der Szene kennen, schreibt T-online. Dass Kennen und Festnehmen zwei verschiedene Dinge sind, hat die Szene über mehr als ein Jahrzehnt unter Beweis gestellt.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Entdecke mehr von F-NEWS

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen